Ford-Chef kritisiert Trump-Zölle
● Abschied: Letzte Bundestagsdebatte |
● Abwandern: Junge verlassen Deutschland |
● Abwehr: EU rüstet sich gegen Zölle |
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Liebe Leserin, lieber Leser, es ist noch nicht allzu lange her, da löste „Deutschland schafft sich ab“ die wohl heftigste gesellschaftliche Debatte aus, die ein Sachbuch in der Bundesrepublik je angestoßen hat. Heute, an seinem 80. Geburtstag, legt Thilo Sarrazin in Berlin eine Neuausgabe mit dem Zusatz vor: „Die Bilanz nach 15 Jahren”, ergänzt um aktuelle Kommentare. Der Verlag verspricht: „noch explosiver als 2010“. Damals, als ich gerade die Fahnen für einen „Bild“-Vorabdruck gelesen hatte, rief ich Thilo Sarrazin an. Ich sagte: Erstens macht das Buch richtig schlechte Laune, zweitens stimme ich nicht mit allem überein, drittens ist es ungemein wichtig. Er lachte: „Ach, Frau Koch, ich weiß gar nicht, ob ich noch mit allem übereinstimme.“ Diese akademische Leichtigkeit – Debatte anstoßen, Gegenargumente abwägen – wurde Sarrazin in den Monaten danach geraubt, zwischen Heiligenverehrung hier, Morddrohungen und medialen Hinrichtungsversuchen dort. Der „Alle gegen einen“-Talk bei Reinhold Beckmann damals war eines der handwerklich bescheidensten Kapitel des Journalismus. |
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| Bestseller-Autor Thilo Sarrazin feiert heute seinen 80. Geburtstag (© imago) |
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Ein paar Monate später bat ich Sarrazin um Einblick in seine Fan-Post, aus Neugier. Fast tausend Briefe konnte ich mit einem Kollegen sichten. Ich erwartete viel Zuspruch aus der radikalen Ecke – und wurde enttäuscht. Die Schreiben, viele mit geprägtem Briefkopf und Wasserzeichen, hatten keine völkische Note, keine Pegida-Parolen. Sie stammten vom gehobenen Beamtentum, von Lehrerinnen, engagierten Bürgern. Studenten schickten zig Emails. Der Tenor bei allen: „Endlich sagt’s mal einer.“ Die Menschen setzten sich mit Sarrazins Kernaussagen zu Bildung, Sozialsystem, Einwanderung auseinander. Mit den Genetik-Thesen – mit denen er sich leider sehr bewusst angreifbar machte – hielt sich niemand auf. Stattdessen stand in rund der Hälfte der Zuschriften: „Wenn Sie eine Partei gründen, sind wir dabei.“ Doch der Volkswirt fand, er eigne sich nicht zum Volkstribun – außerdem war er in der SPD. Bis seine Partei sich nach 37 Jahren Mitgliedschaft von ihm trennte. Es ist müßig, über verpasste Chancen zu spekulieren. Was man alles hätte anpacken können, seit 2010. Der Bestseller bot neben Analyse schließlich auch Lösungsansätze. Doch vielleicht dämmert es manchem endlich: Nicht die Überbringer unbequemer Wahrheiten sind das Problem, sondern die Probleme selbst. Und die sind heute größer, als wir uns 2010 je ausgemalt hätten. Wie erinnern Sie die Debatte damals? Schreiben Sie an [email protected] |
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| Verabschiedet sich beim Chef: Kevin Kühnert (li.) mit Olaf Scholz (© dpa) |
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Man wusste schon lange, dass etwas endet – und dann ist der letzte Tag tatsächlich da. Das war in etwa die Grundstimmung gestern im Bundestag. Mit vielen wird es nach der Bundestagswahl am 23. Februar kein Wiedersehen geben. Die anderen, wie CDU-Chef Friedrich Merz und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, freuten sich, demnächst von den Fraktionssitzen auf die Regierungsbank zu wechseln. Und wieder andere feierten lautstark ab, dass sie nach der Wahl in doppelter Mannschaftsstärke einreiten werden. Eine Politik nach Maßgabe der AfD „wird kommen“, prophezeite eine schwer genervte Alice Weidel. Insgesamt war der Dienstagvormittag eine Art Wahlveranstaltung vor honoriger Kulisse bei scharfer Tonlage. Olaf Scholz und Friedrich Merz schenkten sich nichts. Während der SPD-Kanzler den CDU-Herausforderer des Wankelmuts und der Sprücheklopferei bezichtigte, parierte jener mit „Versagen auf ganzer Linie“. Angesichts der aufgeheizten Atmosphäre verwundert es nicht, dass Bundestagspräsidentin Bärbel Bas zum Schluss den verrohten politischen Diskurs kritisierte. Manche Anwesende werden nach dem Wahltag nichts mehr davon mitbekommen, weil sie ihr Mandat nicht verteidigen können. Für andere stand gestern schon das Ende ihrer Zeit im Bundestag fest. Unter ihnen sind Kevin Kühnert (SPD), Cem Özdemir und Renate Künast von den Grünen, die Bundestagsvizepräsidentinnen Petra Pau (Linke) und Yvonne Magwas (CDU) sowie der CSU-Politiker Peter Ramsauer. |
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| Auch kleinere Parteien wie die Linke und das BSW dürfen bei einigen Debatten mitmischen (© dpa) |
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Experte fordert unabhängige Kommission für TV-Debatten |
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Der Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer von der Universität Mainz hält eine unabhängige Kommission für die TV-Debatten vor Wahlen für sinnvoll. Im Gespräch mit FOCUS kritisierte er, dass die Sender die Regeln für solche Formate jedes Mal „neu und situationsabhängig” bestimmen. Eine unabhängige Kommission könne im Vorhinein festlegen, wer teilnehmen darf und welche Themen besprochen werden. Als Vorbild nennt er dabei die USA. Dort bestimmt eine solche Kommission die Regeln für die TV-Duelle. „Unser Wahlsystem spricht eigentlich für Debatten mit allen Parteien, die im Bundestag vertreten sind“, sagt Maurer. Gleichzeitig hätten solche Formate einen geringeren Erkenntnisgewinn als Duelle, da jeder Kandidat nur kurz zu Wort kommen könne. Da es aktuell so viele Sendungen gibt, sei es außerdem wichtig, die Debatten thematisch besser aufzuteilen und nicht überall dieselben Fragen zu stellen. „So könnte man detaillierter diskutieren und Unterschiede zwischen den Kandidaten klarer erkennen.“ Dieses Jahr seien die Debatten allerdings nicht wahlentscheidend, so Maurer. Dafür sei der Vorsprung der Union zu groß. Zudem sei das Abschneiden von Bundeskanzler Olaf Scholz und Herausforderer Friedrich Merz beim ersten TV-Duell zu nah aneinander gewesen, als daraus einen großer Einfluss auf Wähler ausginge. |
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Die Grünen haben den von ihrem Kanzlerkandidaten Robert Habeck vorgelegten Zehn-Punkte-Plan zur Begrenzung der illegalen Migration offenbar entschärft. Wie „Bild“ berichtet, wurde in der Einleitung der geforderten „breiten Sicherheitsoffensive“ eine Passage gestrichen, in der es um die Begrenzung der Zuwanderung geht. Demnach fehle unter anderem der Satz: „Zu einer Sicherheitsoffensive gehören auch Schritte, die die irreguläre Migration weiter reduzieren und begrenzen.“ Nach Google folgt auch Apple in seiner Karten-App der von US-Präsident Donald Trump verfügten Umbenennung des Golfs von Mexiko in Golf von Amerika. Der neue Name wird zunächst nur in den USA angezeigt. | |
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| Statt in Deutschland zu arbeiten, suchen viele junge Menschen ihr Glück im Ausland (© Imago) |
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Standort Deutschland bei jungen Menschen unbeliebt |
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Junge Menschen in Deutschland spielen mit dem Gedanken auszuwandern. Das geht aus einer repräsentativen Studie des liberalen Thinktanks Ludwig-Erhard-Forum in Zusammenarbeit mit dem Umfrageinstitut INSA hervor. Demnach denken 54 Prozent aller 18- bis 25-Jährigen über Emigration nach, 28 Prozent haben konkrete Pläne. Die Hauptgründe sind die Steuer- und Abgabenlast, Lebenshaltungskosten sowie mangelnde finanzielle Aufstiegschancen. Der Vorsitzende des Verbands der jungen Unternehmer, Thomas Hoppe, fordert die Politik auf, Konsequenzen aus der Studie zu ziehen: Die Steuern sollten auf ein europäisches Mittelmaß abgesenkt werden. Außerdem sollten sich die Lohnnebenkosten auf maximal 40 Prozent belaufen. „Wir brauchen gut ausgebildete junge Fachkräfte für die Wirtschaft“, sagt Hoppe. Der Leiter des Ludwig-Erhard-Forums, Stefan Kolev, forderte von der künftigen Bundesregierung zusätzlich „eine bessere Arbeits-, Kapital- und Innovationskultur“. So solle die nächste Regierung statt in Subventionen für Unternehmen lieber in Forschung investieren. |
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| JD Vance in Paris: Der neue US-Vizepräsident lehnt Regulierung bei Künstlicher Intelligenz ab (© Imago) |
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„Rennen noch lange nicht vorbei“: EU plant Milliarden-Programm für KI |
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Europa bläst mit Milliarden-Hilfen zur Aufholjagd bei KI. Die EU werde in den kommenden Jahren „50 Milliarden Euro für KI-Investitionen mobilisieren“, kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf dem KI-Gipfel in Paris an. Nach den Plänen sollen allein 20 Milliarden Euro in die Finanzierung von vier gigantischen Rechenzentren fließen. Weitere 150 Milliarden kämen von Investoren und der Industrie. Erst am Montag hatten mehr als 60 Unternehmen eine gemeinsame KI-Initiative angekündigt, darunter Airbus, Mercedes-Benz und SAP. Zum Vergleich: Die Gesamtinvestitionen von 200 Milliarden Euro entsprächen knapp der Hälfte der Mittel für Trumps KI-Offensive Stargate. Europa stehe vor einer „schwierigen Herausforderung“, sagte von der Leyen mit Blick auf die rasante Entwicklung in den USA und China. Aktuell hätten beide Länder bei KI zwar die Nase vorn. Doch sei das Rennen „noch lange nicht vorbei“. Zugleich warb die Kommisionspräsidentin für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie. KI könne „ein Geschenk für die Menschheit sein“, müsse aber sicher sein „und für alle zugänglich“. Der neue US-Vizepräsident JD Vance zeigte sich von dem Hinweis unbeeindruckt. Eine inhaltliche Kontrolle von KI käme einer autoritären Zensur gleich, erklärte er. Der Republikaner weigerte sich zudem, ein vorbereitetes, gemeinsames Kommuniqué zu einem sicheren, transparenten und vertrauenswürden Umgang mit KI unterzeichnen. Auch die Vertreter Großbritanniens lehnten eine Unterschrift ab. |
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| Donald Trump überzieht Länder weltweit mit Zöllen (© dpa) |
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US-Strafzölle: Brüssel will sich wehren |
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Nach der Ankündigung von US-Zöllen auf Einfuhren von Stahl und Aluminium bereitet die EU Gegenmaßnahmen vor. Sollte US-Präsident Donald Trump die Zölle auf Stahl und Aluminium von 25 Prozent wahrmachen, „greifen automatisch Gegenzölle von 50 Prozent auf Harleys, Bourbon und Motorboote“, erklärte der Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Europäischen Parlament, Bernd Lange (SPD). Damit würde die EU in einem möglichen Handelsstreit deutlich schärfer reagieren als zu Trumps erster Amtszeit 2018. Damals hatte Brüssel US-Zölle von 25 Prozent auf Stahl und Aluminium mit Zöllen in derselben Höhe gekontert und die Maßnahmen nach Gesprächen mit Nachfolger Joe Biden 2021 wieder ausgesetzt. Jetzt will die EU die Blaupause aus der Schublade holen – und die Zölle verdoppeln. Entsprechende Maßnahmen könnten bereits zum 1. April „aktiviert werden“, heißt es aus Brüssel. Dazu könnte die EU auch Zölle gegen weitere Produkte wie Jeans, Orangensaft oder Mais verhängen. Zuvor hatte auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Trumps Pläne scharf kritisiert und „angemessene Gegenmaßnahmen“ angekündigt. Sie bedauere die Entscheidung der USA „sehr“, schrieb sie auf „X“. Doch würden „ungerechtfertigte Zölle nicht unbeantwortet bleiben“. Kanadas scheidender Premier Justin Trudeau kündigte gestern ebenfalls eine harte Antwort auf die US-Zölle an. Unterdessen übte der Chef des US-Autobauers Ford Kritik an Trumps Wirtschaftspolitik. Er habe „viel darüber gesprochen, die US-Autoindustrie zu stärken“, so Jim Farley, fügte aber mit Blick auf Strafzölle hinzu: „Bisher sehen wir eine Menge Kosten und viel Chaos.“ |
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47 Haiattacken gab es 2024 weltweit, deutlich weniger als im Langfristvergleich. Das International Shark Attack File des Naturkundemuseums in Florida zählte in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt 70 sogenannte unprovozierte Angriffe pro Jahr. Also Vorfälle, bei denen Menschen keinen Kontakt zu den Haien gesucht hatten, etwa beim Befreien aus Netzen. |
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| Das Innere des Globus wirft viele Rätsel auf (© B. Schröder / HZDR / NASA / Goddard Space Flight Center Scientific Visualization Studio) |
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Lange haben Geowissenschaftler vermutet, unser Planet habe einen harten Kern – eine heiße Kugel aus Nickel und Eisen mit einem Durchmesser von etwa 2400 Kilometern. Doch nun stellt sich heraus: Das Innerste der Erde ist biegsam und wandelbar. Forscher der University of Southern California untersuchten Erdbebenwellen, die zwischen 1991 und 2024 von der Antarktis aus quer durch den Globus bis nach Alaska und Kanada wanderten. Sie stießen dabei auf Muster, die nie zuvor beobachtet wurden und sich am ehesten durch Verformungen erklären ließen. Sein Team habe erstmals gezeigt, sagt Studienleiter John Vidale, dass sich die Turbulenzen im flüssigen äußeren Kern auf den inneren Kern auswirken. Immer rätselhafter wird dadurch das Innenleben unseres Globus. Vor einigen Jahren schon attestiertem ihm Vidale und seine Kollegen andere Eigenwilligkeiten. Der innere Kern neigt zur „Superrotation“. Er dreht sich gelegentlich schneller um die eigene Achse als die Erde selbst. In letzter Zeit hat sein Tempo allerdings offenbar wieder nachgelassen. |
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Gewinner: Gegen Nilufar Hamed, 32, und Elaheh Mohammadi, 37, wurden nach 17 Monaten Haft alle Verfahren eingestellt. Die iranischen Journalistinnen gehörten zu den ersten, die über den gewaltsamen Tod der Kurdin Jina Mahsa Amani in Teheran berichteten, nachdem die Sittenpolizei sie verhaftet hatte. Ihre Recherche löste landesweite Proteste gegen das Mullah-Regime aus. Noch während der Haft ehrte die UNESCO die beiden mit dem Pressefreiheitspreis. | |
Verlierer: TV-Koch Alfons Schuhbeck, 75, muss erneut vor Gericht. Schuhbeck sitzt bereits seit Mitte vergangenen Jahres wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. Nun wirft ihm das Landgericht München Betrug vor. Der Feinschmecker soll für mehrere seiner Betriebe Corona-Hilfen und Subventionen beantragt haben. Die rund 460.000 Euro soll er jedoch nicht für die Unternehmen genutzt haben, sondern für sich selbst. Es gilt wie immer die Unschuldsvermutung. | |
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… sieht es für Deutschland in den meisten Rankings derzeit ja nicht ganz so prickelnd aus: Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Korruptionsindex. Doch auf einer Liste stehen wir ganz weit oben: unsere Städte sind „walkable“. Forscher vom Sony Computer Science Labor in Rom berechneten die „Fußläufigkeit“ von mehr als 10.000 Städten weltweit. Bei der im „Nature Science“ Journal veröffentlichten Studie steht München auf Platz 6 der sogenannten 15-Minuten-Städte (hinter Spitzenreiter Mailand, Kopenhagen, Turin, Dublin und Lyon). Das sind Orte, wo die perfekte urbane Nachbarschaft auf kleinem Radius erreichbar ist: Geschäfte, Grünflächen, Kultureinrichtungen und Schulen. | | München liegt im Ranking der „fußläufigsten“ Städte sogar noch vor Paris und London (© imago) | In München profitieren 94,8 Prozent der Einwohner davon, in Berlin (Platz 11) immerhin 91,9 Prozent und unter den Top 31 finden sich noch Stuttgart (17), Hannover (23), Düsseldorf (25), Leipzig (26) und Nürnberg (31). Ich mache dann mal einen Morgenspaziergang. Herzliche Grüße | | Tanit Koch |
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